Religiöse Wahrheitsansprüche im Konflikt

14. April 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch: Walter Dietrich / Wolfgang Lienemann (Hg.), Religionen, Wahrheitsansprüche, Konflikte. Theologische Perspektiven. Beiträge zu einer Theologie der Religionen. Band 10, Zürich: TVZ 2010

Der von Wolfgang Lienemann und Walter Dietrich herausgegebene Band „Religionen-Wahrheitsansprüche-Konflikte. Theologische Perspektiven“ dokumentiert die Vorträge eines Berner Symposiums, das 2008 zur Verleihung des Preises der Hans-Sigrist-Stiftung an Andreas Feldtkeller veranstaltet wurde.

Die Leitfrage des Symposiums war, ob und wie mittels theologischer Reflexion Konflikte zwischen religiösen Wahrheitsansprüchen „so bearbeitet werden können,  dass die Religionsgemeinschaften und ihre Anhänger ihrer erkannten Wahrheit treu bleiben und zugleich den gesellschaftlich-religiösen Frieden finden und wahren können“ (S. 12) Lässt sich der Anspruch vitaler Religionen, ihr Wahrheitsbewusstsein ungeschmälert und öffentlich zur Geltung zu bringen mit dem Respekt gegen andere Wahrheitsüberzeugungen und deren Anhänger verbinden? Oder sind starke religiöse Wahrheitsansprüche per se konfliktverschärfend und gewaltfördernd?   

Diese Leitfragen werden im von W. Lienemann klar formuliert und in den aktuellen Debatten verortet. Andreas Feldtkeller definiert Religion anthropologisch als „Deutung und Gestaltung von Grunderfahrungen des Menschseins“. Im Anschluss an Sundermeiers Unterscheidung von primärer und sekundärer Religion unterscheidet er drei dynamische Modi von Religion: Ordnung und Bewältigung von Grunderfahrungen des Menschseins, Steigerung des menschlichen Potentials und Befreiung des Menschseins von sich selbst. Er unterscheidet zudem 5 Grundformen der Weitergabe und Ausbreitung von Religionen: generative Weitergabe, imperiale Ausbreitung, missionarische Ausbreitung, scholastische Weitergabe und kulturelle Aneignung. Diese ordnet er anhand der Kriterien Freiwilligkeit/Zwang und Vollständigkeit/Kombinationsoffenheit in eine Matrix ein. Der Gewinn dieser Matrix ist eine differenziertere Sicht des religiösen Konflikt- bzw. Gewaltpotentials als bei Assmanns „mosaischer Unterscheidung“. Feldtkeller stellt fest, dass die Durchsetzungsansprüche von Religionen konfliktverschärfend wirken. Diese können weitgehend unabhängig von Wahrheitsansprüchen sein. Wahrheitsansprüche werden dann problematisch, wenn sie mit Durchsetzungsansprüchen verbunden werden. Deshalb sieht er eine besondere Verantwortung theologischer Reflexion in der Kritik an der herrschaftslegitimierenden Inanspruchnahme religiöser Wahrheiten.

Im alttestamentlichen Beitrag weist Walter Dietrich auf die fremdreligiösen Spuren im Alten Testament hin, die in die Entwicklung des Jahweglaubens eingeflossen sind. Trotz vorhandner  Spuren religiöser Intoleranz bezeichnet er das Alte Testament als einen Begegnungsraum der Religionen. Ulrich Luz skizziert die religiöse Entwicklung in der Spätantike. Mit der Terminologie Feldtkellers besass – so Luz – die römische Religion keinen Wahrheitsanspruch, aber einen hohen Durchsetzungsanspruch und basierte auf generativer Weitergabe und imperialer Ausbreitung. Wahrheitsansprüche und normative Geltungsansprüche wurden von philosophischen Schulen und – als Novum – von Judentum und Christentum vertreten. Sie konnten in engen Grenzen in Vereinen gepflegt werden, soweit sie der imperialen Staatsraison nicht widersprachen. Luz stellt eine Entwicklung hin zu eigenständigen religiösen Subsystemen fest, die Ende des 3 Jh. eine kurze Phase von Religionsfreiheit ermöglichte, die aber durch den Sieg des Christentums und seine Etablierung als Staatsreligion abgebrochen wurde. Die Verbindung von Geltungsanspruch, Wahrheitsanspruch und seiner Durchsetzung durch die kaiserliche Gewalt war etwas Neues und – aus heutiger theologischer Sicht – Verhängnisvolles.

Reinhold Bernhardt geht der Frage nach, ob der Christusglaube die Anerkennung anderer Religionen blockiert. Er entwickelt eine Repräsentationschristologie, die Jesus Christus als Repräsentanten Gottes gegenüber den Menschen und als Repräsentanten wahren Menschenseins versteht. Er deutet die Zwei-Naturen-Lehre relationsontologisch im Sinne von zwei Beziehungen, was gegenüber der traditionellen Privilegierung der Einheit erlaubt, von einer Einheit in Unterschiedenheit auszugehen. So bleibt denkbar, dass die heilshafte Gottesbeziehung, wie sie sich in Christus manifestiert, auch in anderen Ereignissen repräsentiert sein kann und dabei kein anderes Heil ist. Dies ermöglicht einen christlichen Pluralismus ohne Aufgabe der Glaubensgewissheit, dass in Christus das Heil ganz gegenwärtig ist.

Der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze entwickelt anhand der Begriffspaare sakral/profan, transzendent/immanent und religiös/säkular ein Modell dreier Unterscheidungen die einen tiefgreifenden Differenzierungsprozess in den Transzendenzbehauptungen spiegeln. Christine Lienemann-Perrin nimmt das Thema der Konversion zwischen Hinduismus und Christentum in den Blick.

Der Band nimmt wichtige Aspekte des Themas in den Blick und bietet interessante methodische Ansätze. Dies gilt besonders für den Theorierahmen Andreas Feldtkellers und die Repräsentationschristologie von Bernhardt. Allerdings hätte ich mir im Rahmen eines Symposiumsbandes mehr verbindende Elemente zwischen den Beiträgen und eine gegenseitige Bezugnahme gewünscht. Das ist nur vereinzelt der Fall. Die Grundfrage, wie starke religiöse Wahrheitsansprüche mit grösstmöglicher Achtung fremder Wahrheitsansprüche zu verbinden sind, bleibt hochaktuell, damit vitale Religionen im Frieden miteinander leben können.

Advertisements

Gott in Christus und in den Religionen

14. April 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch: Sung Ryul Kim, Gott in und über den Religionen. Auseinandersetzung mit der «pluralistischen Religionstheologie» und das Problem des Synkretismus. Beiträge zu einer Theologie der Religionen, Band 9, Zürich: TVZ 2010

Religionspluralismus ist eine Realität, die eine theologische Auseinandersetzung erfordert. Die Literatur zur „Theologie der Religionen“ ist inzwischen unüberschaubar. Der anfängliche Streit über exklusivistische und inklusivistische Positionen wich der Debatte über Inklusivismus und Religionspluralismus, während exklusivistische Positionen in der Theologie kaum mehr vertreten wurden. Die Meinungsführerschaft liegt bei religionspluralistischen Konzepten. Die Kritik am Inklusivismus richtet sich vor allem darauf, dass er lediglich eine mildere Form des christlichen Überlegenheitsanspruchs sei und das Christentum zum Massstab des Dialogs mache. Allerdings hat auch der Religionspluralismus seine Tücken. Weil er von einer prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Religionen ausgeht, muss er das Gemeinsame aller Religionen betonen und ihre spezifischen Lehren und Wahrheitsansprüche nivellieren. Es besteht die Gefahr eines Dialogs ohne Kriterien oder einer Orientierung an einem abstrakten Religions- und Gottesbegriff. Deshalb hat Reinhold Bernhardt vor einigen Jahren das Konzept eines „mutualen Inklusivismus“ vorgestellt[1].

In seiner Bochumer Dissertation „Gott in und über den Religionen“ setzt sich Sung Ryul Kim mit der „pluralistischen Religionstheorie“ und dem Problem des Synkretismus auseinander. Dabei wählt er einen anderen Weg als Bernhardt. Er lehnt sich sehr eng an die Theologie Karl Barths an, indem er die Geschichte Gottes mit den Menschen und seine Selbstoffenbarung in Jesus Christus zum Dreh- und Angelpunkt macht. Barths Kritik der Religion gelte dem menschlichen Umgang mit der Religion. Gott begegne dem Menschen in seiner Freiheit im Medium menschlicher Religion. Diesem göttlichen Umgang mit der Religion gelte es nachzugehen und dabei sei festzustellen, dass dieser Weg Gottes synkretistisch geprägt sei.

Von dieser Basis aus stellt er den Religionspluralismus John Hicks dar, der ausgehend von der religionspluralistischen Realität die traditionellen Dogmen neu interpretieren will und eine Abkehr von der traditionell christozentrischen Theologie hin zu einer theozentrischen fordert. Hick verwendet für das Göttliche die Chiffre „the Real“, welches sich durch  seine vielen Namen in den Religionen offenbare. Kim kritisiert, bei Hick stehe die konstruierte Chiffre „the Real“ im Zentrum und nicht die konkrete Offenbarung Gottes in Jesus Christus, was zu einer metaphorischen Christologie führe, die nicht mehr als eine Jesulogie sei.

Mit Mark S. Heim stellt Kim dann den Ansatz eines authentischen Religionspluralismus dar, der die Unterschiede zwischen den Religionen nicht mehr nivelliert und die radikale Hypothese vertritt, dass es viele Erlösungen gebe. Kim kritisiert daran, dass dieser Religionspluralismus sich in der blossen Deskription der Religionen erschöpfe.

Der pluralistische Inklusivismus von Jacques Dupuis sieht in Jesus Christus den Höhepunkt der göttlichen Offenbarung. Er akzeptiert andere Religionen als gleichwertige soteriologische Wege, ohne das christliche Dogma preiszugeben, indem er postuliert, dass die Offenbarung in Jesus Christus in den Religionen auf verborgene oder mystische Weise gegenwärtig ist. Kim kritisiert, dass es sich letzlich um eine Form des Superiorismus handle, Dupuis die natürliche Theologie rehabilitiere und den Missionsgedanken nicht mehr plausibel machen könne.

Im Anschluss an Theo Sundermeier und dessen vielzitierten Satz, dass es Religion nur in den Religionen gebe, wendet sich Kim dem Synkretismus zu. Er nimmt Sundermeiers Unterscheidung von primären und sekundären Religionen auf, welche die primären Religionen als die unaufhebbare Basis aller Religionen herausstellt, deren Elemente in allen Hochreligionen nachweisbar seien. Insofern sei jede Religion synkretistisch geprägt. Kim zeigt dies an der alttestamentlichen Entwicklung hin zum ausschliesslichen Jahweglauben, wobei der Jahweglaube viele Züge von Gottheiten seiner Umwelt in sich aufgenommen hat. Auch den paulinischen Bezug auf die hellenistischen Vorstellungen und die Mysterienreligionen sieht Kim als Beispiel eines solchen Synkretismus. Abschliessend stellt er die Missionsgeschichte Koreas als Fallbeispiel des Synkretismus dar. Der Schamanismus als einzige primäre Religion Koreas habe bei der rasanten Missionierung des Landes eine wichtige Rolle gespielt. Hier habe die Offenbarung ohne Verlust ihrer Identität das Gewand einer „fremden“ Religion angelegt ohne gewaltsame Abschaffung traditioneller religiöser Riten.

Die Beobachtungen zum Phänomen des Synkretismus halte ich für hilfreich und weiterführend. Problematisch scheint mir der enge Anschluss an die Theologie Barths, die eine differrenzierte Auseinandersetzung mit den religionspluralistischen Entwürfen erschwert. Auch Kims eigener Entwurf muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht lediglich eine Variante des Superiorismus ist, wenn er Barths christozentrischer Perspektive so uneingeschränkt folgt. Zudem scheint mir bei Kim die missionstheologische Perspektive die systematische und die religionstheologische zu dominieren. Hier wäre allenfalls ein intensiverer Dialog mit dem Ansatz des „mutualen Inklusivismus“ (den Kim kurz darstellt) weiterführend gewesen.


[1] Reinhold Bernhardt, Ende des Dialogs? Die Begegnung der Religionen und ihre theologische Reflexion, Zürich 2006, s. meine Rezension in: RP 43 vom 27. Oktober 2006, S. 13

Wie werden die Toten auferstehen?

10. März 2011 § 2 Kommentare

Das Buch: Godehard Brüntrup, Matthias Rugel, Maria Schwartz (Hrsg.): Auferstehung des Leibes – Unsterblichkeit der Seele, 272 Seiten, Kohlhammer, Stuttgart 2010

„Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube“ (1. Kor 15,13f.). Der Glaube an die Auferstehung der Toten gehört für Paulus ins Zentrum des christlichen Glaubens. Zugleich gehört der Auferstehungsglaube zu den strittigsten und am schwersten fassbaren christlichen Glaubensinhalten. Ist der Gedanke der leiblichen Auferstehung Teil eines untergegangenen Weltbildes und kann christlicher Glaube heute auf dieses Theologoumenon verzichten? Oder ist dieser Glaubenssatz unverzichtbar, aber letztlich irrational? Oder lässt sich zumindest die Möglichkeit einer Auferstehung der Toten rational begründen? Wie verhält sich die christliche Auferstehungshoffnung zum Gedanken der Unsterblichkeit der Seele?

Die 13 Beiträge des Bandes „Auferstehung des Leibes – Unsterblichkeit der Seele“ sind sich einig darin, dass der Glaube an die Auferstehung nur unter der Annahme eines göttlichen Handelns möglich ist und in der Bemühung um ein vernünftiges Verständnis der Auferstehungshoffnung. Es geht hier also um eine Debatte zwischen (katholischer) Theologie und Philosophie. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Identität zwischen irdischer und jenseitiger Person und das metaphysische Verständnis von Personen. Bestehen wir aus zwei grundverschiedenen Entitäten, materiellem Körper und immateriellem Geist (Dualismus) oder sind wir monistisch zu verstehen und ist deshalb eine materialistische Sicht sachgemäss (Materialismus)?

Lediglich der erste Beitrag von Oscar Cullmann stammt von einem evangelischen Theologen. Sein Beitrag steht exemplarisch für die Ganztoddebatte in der deutschsprachigen Theologie und stellt gleich zu Beginn fest, dass der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele eines der grössten Missverständnisse des Christentums sei. Im Tode stirbt der ganze Mensch und Auferstehung ist ein göttlicher Schöpfungsakt. Drei weitere Beiträge greifen diese Debatte auf. Während Greshake von einer „Auferstehung im Tode“ spricht und den Leib-Seele-Dualismus vermeidet, plädiert Haeffner für die Unaufgebbarkeit einer Seele. Schärtl redet vom Leib, der Körperliches und Seelisches vermittelt und versteht Auferstehung als Transformation der verleiblichten Person. Er schlägt auch die Brücke zur analytischen Philosophie.

Die materialistische Hauptströmung der analytischen Philosophie (van Inwagen und Zimmerman) muss in irgendeiner Weise eine Kontinuität zwischen auferstandenem und irdischem Körper annehmen. Dies führt zu fast skurillen Gedankengängen, wenn beispielsweise van Inwagen die Vorstellung entwickelt, Gott könne im Moment des Todes den Leichnam oder einen wesentlichen Teil wie das Gehirn durch etwas Identisches, ein simulacrum, ersetzen. Dualistische Positionen (Stump und Plantinga) haben es da leichter, weil das Überleben des Körpers für sie letztlich bedeutungslos ist, aber sie sehen sich vor der Schwierigkeit zu formulieren, was dann leibliche Auferstehung heissen soll und wie sie der berechtigten Kritik am Dualismus entgehen können. Eine interessante vermittelnde Position nimmt Lynne Baker ein, die Identität in einer sich durchhaltenden „Erste-Person-Perspektive“ begründet sieht. Im Tod liege es dann an Gott, für diese genau einen neuen Körper bereitzustellen.

All diese Positionen verstehen Personen dreidimensional, ohne zeitliche Anteile. In den beiden letzten Beiträgen kommt eine vierte Dimension ins Spiel, wonach materielle Dinge und insbesondere Personen in zeitliche Abschnitte unterteilbar sind. Dabei stellt sich dann die Frage, was die zeitlichen Stadien einer Person zusammenhält. Interessant ist hier der Beitrag des Mitherausgebers Godehard Brüntrup. Er nimmt die Prozessontologie Whiteheads auf und hält fest, dass die menschliche Person aufgrund einer immanenten Kausalrelation über die Zeit hinweg mit sich identisch bleibt. Für das jenseitige Leben bei Gott erübrige sich diese Konstruktion, weil es sich „als ein gefüllter Moment, ein ewiges Jetzt“ vorstellen lasse.

Die Beiträge dieses Bandes zeichnen sich durch hochkomplexe philosophische Gedankengänge aus. Das verständliche Anliegen, die biblische Auferstehungshoffnung vernünftig zu begründen, führt manchmal zu der Frage, ob die abstrakten Gedankengänge der christlichen Auferstehungshoffnung noch angemessen sind. Schon Paulus beschränkt sich auf einige wenige metaphorische Aussagen zum Auferstehungsleib. Könnte es sein, dass er dies mit guten Gründen tut? Wenn wir aber nur metaphorisch von Auferstehung reden können, dann heisst das für mich nicht, dass man eben an die biblischen Auferstehungsbilder glauben muss. Es nötigt vielmehr zu der Einsicht, dass die jeweiligen Bilder ihre begrenzte Reichweite haben. Die Hoffnung auf Auferstehung ist zwar höher als alle Vernunft, aber nicht wider alle Vernunft. Darin liegt das Recht aber auch die Grenze aller denkerischen Bemühungen um den Auferstehungsglauben.

Leiblichkeit und Geschöpflichkeit in der bioethischen Debatte

12. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch: Ulrich H.J. Körtner, Leib und Leben: Bioethische Erkundungen zur Leiblichkeit des Menschen (Arbeiten zur Pastoraltheologie, Liturgik und Hymnologie), 230 Seiten, Vandenhoeck & Ruprecht, 2010

Ulrich H.J. Körtner gehört zu den produktivsten theologischen Autoren der Gegenwart. Weit über 1000 Veröffentlichungen weist er in seiner Bibliographie nach, davon mehr als 900 in den letzten 12 Jahren. Mit „Leib und Leben“ geht er der Frage nach, inwiefern der Begriff der Leiblichkeit des Menschen zur Orientierung in bioethischen Fragen geeignet ist. An der Schnittstelle zwischen systematischer und praktischer Theologie, Seelsorge und Ethik bearbeitet er fundamentalethische und anthropologische Grundfragen in theologischer Perspektive. 

Leiblichkeit als solche ist für Körtner keine hinreichende Norm für ethische Einzelentscheidungen, sondern muss in eine ethische Rahmentheorie eingebaut werden. Geeignet sei eine verantwortungsethische Konzeption im Anschluss an Dietrich Bonhoeffer und Hans Jonas. Er will die theologische Perspektive nicht nur schöpfungstheologisch, sondern auch inkarnationstheologisch und eschatologisch durchdenken. So grenzt er sich von naturrechtlich-konservativen Interpretationen ab und entwickelt ein dynamisches Verständnis von Leiblichkeit, welches die leibhaftige und leibgebundene Existenz des Menschen so zur Sprache bringt, dass die Polarität von leiblicher Kontingenz und menschlicher Freiheit, die Differenz von vorfindlicher Existenz und eschatologischer Bestimmung, von altem und neuem Menschen nicht verschwindet.

Die Begründungsprobleme einer Ethik der Leiblichkeit am Beispiel von Organspende und Enhancement und die Übersetzungsprobleme zwischen theologischer und philosophischer Anthropologie und Ethik behandelt das erste Kapitel. Die Theologie wisse um die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen und die biblisch bezeugte Erlösungswirklichkeit. Mit dieser Perspektive könne sie sich kritisch mit den Heilserwartungen und Heilsversprechen der modernen Medizin auseinandersetzen, aber auch mit den Ganzheitlichkeitsidealen, die den fragmentarischen Charakter unserer Existenz verleugnen. Den Personbegriff klärt Körtner im 2. Kapitel. Er greift auf den Begriff der Geburtlichkeit von Hannah Arendt zurück, den er insofern modifiziert, als er auch die vorgeburtliche Existenz von der Geburt bestimmt sieht. Eine eindeutige Antwort auf die Frage des Lebensbeginns hält er aber für unmöglich. In theologischer Perspektive entwickelt Körtner im dritten Kapitel eine Phänomenologie der Geschöpflichkeit. Der Mensch bestimmt sich nicht im Handeln selbst. Das Grunddatum menschlicher Existenz ist das Gegebensein des Lebens. Menschsein erschöpft sich nicht in der aktiven Lebensführung, sondern umfasst auch passive Lebensvollzüge wie Schlafen und Träumen.

Um das Verhältnis von Leibsorge und Seelsorge geht es im 4. Kapitel. Zu einem erweiterten Verständnis von Spiritualität gehöre die Frage nach dem Geist medizinischen, pflegerischen und seelsorgerlichen Handelns, das Wissen um den Geschenkcharakter und die Endlichkeit des Lebens, die Einsicht, dass Medizin und Pflege nicht nur Technik, sondern auch Kunst sind, die Beachtung der Ressource Vertrauen, die zwischenmenschliche Kommunikation und die Kommunikation mit Gott und der prägende Geist einer Institution. Das 5. Kapitel entwickelt eine Ethik des Krankseins und kritisiert einen utopischen Gesundheitsbegriff. Im Anschluss an Henning Luther betont er das Fragmentarische menschlicher Existenz. Kritisch sieht er den Begriff der Autonomie des Patienten und plädiert für Souveränität als Persönlichkeitsideal. „Ein Mensch ist souverän, wenn er mit sich etwas geschehen lassen und Abhängigkeiten hinnehmen kann“ (Akashe-Böhme/Böhme). Dies konvergiere mit dem biblischen Verständnis der Menschenwürde, die auch Schwerstkranke und Behinderte nicht verlieren können und trage unserer grundlegenden Angewiesenheit und Bedürftigkeit Rechnung. Die Rolle des Kranken untersucht das 6. Kapitel unter dem Aspekt der Marginalisierung. Die weiteren Kapitel behandeln das Wachkoma, Leiblichkeit und Verlust im Alter und einen angemessenen Umgang mit dem Leichnam (in Auseinandersetzung mit von Hagens „Körperwelten“).

Ein kurzer Epilog unterstreicht, dass christliche Lebensführung von der Einsicht getragen sei, dass der Mensch seiner selbst im letzten nicht mächtig ist und der eigene Leib zur Quelle und zum Ort dieser Erfahrung werden kann. Ein christlicher Umgang mit Krankheit und Gesundheit bewege sich in der Spannung von Widerstand und Ergebung. Leibsorge sei auch eine sozialethische und politische Aufgabe und erfordere eine Anthropologie, die den konkreten Lebensgeschichten und Lebensumständen Rechnung trage.

Körtners Band ist ein wichtiger theologischer Beitrag zur Bioethik. Zu unterstreichen ist, dass wir unser Leben zuallererst empfangen und stets mehr sind als das, was wir aus uns machen. Sein Verständnis von Souveränität und die Kritik an einem problematischen Verständnis von Ganzheitlichkeit sind weiterführend. Allerdings ist dem Band anzumerken, dass er zu einem grossen Teil auf frühere Publikationen zurückgeht. Hier wäre es hilfreich gewesen, die Kapitel noch enger miteinander zu verzahnen und die Begründungszusammenhänge deutlicher darzulegen. Verständlich, aber auch bedauerlich finde ich, dass Körtner materialethische Fragen weitgehend ausklammert, damit aber klaren und prägnanten Stellungnahmen ausweicht.

Einladung zum inneren Verkosten der Wahrheit

12. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch: Odilo Lechner, Michael Langer (Hg.), Mystik für Christen. Ein Jahreslesebuch, 416 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, 2010

Karl Rahner hat bekanntlich einmal gesagt, der Christ der Zukunft werde Mystiker sein, oder er werde nicht mehr sein. Odilo Lechner, der Altabt der Benediktinerklöster Andechs und St. Bonifaz, hat zu seinem 80. Geburtstag auf Einladung des Gütersloher Verlagshauses zusammen mit Prof. Michael Langer ein Jahreslesebuch unter dem Titel „Mystik für Christen“ zusammengestellt.  Lechners heutiger Nachfolger als Abt, Johannes Eckert, zitiert in seinem vorangestellten Geburtstagsgruss Kardinal Ratzinger, der einmal gesagt hat, es gebe so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Man könnte das durchaus auch subversiv verstehen.

Jedenfalls versammelt der Band 366 Texte (auch der 29. Februar fehlt nicht) mit einer grossen Vielfalt. Neben den klassischen Mystikern wie Meister Eckhardt, Johannes vom Kreuz, Heinrich Seuse oder Johannes Tauler, Mystikerinnen wie Mechthild von Magdeburg, Hildegard von Bingen, Theresa von Avila und anderen, finden sich in diesem Band auch biblische Texte, altkirchliche Schriftsteller und Theologen des 20. Jahrhunderts wie Karl Rahner, Romano Guardini oder Teilhard de Chardin. Neuere und zeitgenössische Texte stammen u.a. von Johann Baptist Metz, David Steindl-Rast, Anselm Grün, Dom Helder Camara, Roger Schutz und den beiden Herausgebern. Ebenso sind poetische Texte von Novalis und Hölderlin über Rilke und Hilde Domin bis zu Günter Kunert, Silja Walter und Paul Konrad Kurz zu finden und auch protestantische Autoren wie Martin Luther, Gerhard Tersteegen, Dietrich Bonhoeffer, Dag Hammarskjöld und Dorothee Sölle fehlen nicht. Und damit sind nur wenige der insgesamt weit über 100 Autorinnen und Autoren genannt, zu denen auch viele eher unbekannte gehören.

Bei manchen Texten mag man sich über die Textabgrenzung streiten (so z.B. bei „Wer bin ich?“ von Bonhoeffer, wo nur der Schlussabschnitt des Gedichts abgedruckt ist). Zudem verwenden die Herausgeber einen sehr offenen Mystikbegriff und bei einigen Texten liesse sich durchaus diskutieren, ob sie unter die Überschrift „Mystik“ passen. Da es sich um ein besinnliches Jahreslesebuch handelt, fehlen auch – abgesehen von der Quellenangabe und den Lebensdaten – jegliche Hintergrundinformationen zu den Autoren und Texten. Trotzdem überzeugt der Band durch seine Vielfalt und seinen Reichtum und lädt ein zu Entdeckungen und zum eigenen innerlichen Verkosten der Wahrheit. Oder wie es beim 11. Januar heisst: „Mit Gott sprechen und in der Tiefe des Herzens seine Stimme vernehmen – das ist das Wesen des mystischen Gebets“ (Franz Sales). Dazu laden die Texte dieses Jahreslesebuchs ein.

Alte Tugenden – neu betrachtet

12. Januar 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch: Petra Bahr,  Haltung zeigen. Ein Knigge nicht nur für Christen, 160 Seiten, Gütersloher Verlagshaus, 2010

Wenn Petra Bahr, die Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), ein kleines Büchlein vorlegt, in dem sie in den christlichen Tugenden moderne Lebenshaltungen entdeckt, die nicht nur für Christen empfehlenswert seien und das dazu noch den Freiherrn von Knigge im Untertitel erwähnt, dann darf man darin mit Recht einen veränderten Zeitgeist entdecken. Noch vor gar nicht so langer Zeit galt die Rede von Tugenden als altmodisch bis reaktionär. Doch inzwischen gibt es den Knigge für alle Lebenslagen, wobei in der Regel vom durchaus rebellischen Geist des Freiherrn nichts mehr zu spüren ist, und allerorten ist der Ruf nach Werten und Tugenden zu hören, ganz besonders in der Erziehung.

„Haltung zeigen“ hebt sich von der verbreiteten Ratgeberliteratur im Namen Knigges zunächst einmal wohltuend ab und ist mehr als deren christliche Variante. Das liegt vor allem am Ausgangspunkt, den Petra Bahr wählt. Denn sie versteht Tugenden nicht als Benimmregeln oder Konventionen, sondern etwas, womit Menschen Haltung zeigen und für etwas einstehen. Und gerade das macht Tugenden wieder modern in einer Zeit, wo wir lernen müssen unsere Freiheit zu gebrauchen und uns nicht zu verlieren in den verschiedensten Rollen, die wir zu übernehmen haben. Das macht sie modern, wo Freiheit zur Beliebigkeit zu werden droht und Gleichgültigkeit weit verbreitet ist.

„Haltung zeigen“ ist etwas, das die Autorin, wie sie im Eingangskapitel beschreibt, von ihrer Grossmutter gelernt hat. Innere Haltungen geben äusseren Halt. Mit Tugendwächtern und Tugendterror oder mit humorloser Lebensanstrengung haben sie nicht viel gemein. Dafür umso mehr mit dem paulinischen Dreiklang von Glaube, Hoffnung, Liebe. Bahr verweist auch auf Melanchthon, der das Gebet als Meistertugend ansieht und meint dazu, dass darin deutlich werde, dass Haltung, die Halt gibt, aus Beziehung lebt und die Betenden sich eines Haltes versicherten, der in dieser Welt frei und unabhängig mache.

Auf dieser Grundlage formuliert Petra Bahr Gedanken zu einer – wie sie selbst schreibt – entschieden einseitigen und subjektiven Auswahl von Tugenden. Höflichkeit, Haltung des Herzens, Freimut, Tapferkeit, Besonnenheit, Klugheit, Dankbarkeit, Demut, Humor, Barmherzigkeit, Mass und Musse sind die Kapitel überschrieben, wobei Dankbarkeit, Demut und Humor nicht nur umfangmässig ein besonderes Gewicht haben.

In der Auswahl und Entfaltung der einzelnen Tugenden hätte ich mir des Öfteren mehr Prägnanz und gedankliche Tiefe gewünscht. Oft hatte ich den Eindruck, lockeren Assoziationen zu folgen, die durchaus zum eigenen Nachdenken anregen und inspirierend sind, die sich aber nicht wirklich die Mühe der Vertiefung machen. Und auch wenn die Klage über fehlende Lektorate inzwischen zum Standardrepertoire in Rezensionen gehört, ist sie in diesem Fall unvermeidlich. So mancher grammatikalische Fehler oder ungenaue Formulierungen wären vermeidbar gewesen, ebenso die Verwechslung der Personen in einem Beispiel und einige allzu konventionelle kulturkritische Passagen. Ein wirklich kritisches Gegenüber hätte die Autorin wohl zu einer gründlichen Überarbeitung veranlasst, durch die das Buch sicher gewonnen hätte.

Ein Reiseführer durch die Bibel

3. November 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Buch: DETLEF DIECKMANN, BERND KOLLMANN, Das Buch zur Bibel. Die Geschichte – die Menschen – die Hintergründe, 640 Seiten, Gütersloher Verlagshaus

Schon rein äusserlich ist „Das Buch zur Bibel“ eine gewichtige Publikation, bringt sie doch 1,7 kg auf die Waage und hat einen Umfang von mehr als 600 Seiten. Die Autoren Detlef Dieckmann (Privatdozent für Altes Testament in Bochum und Gemeindepfarrer) und Bernd Kollmann (Professor für Neues Testament in Siegen) wollen für ein breiteres Publikum wissenschaftlich fundierte Hintergrundinformationen liefern, weil die Bibel heute für viele Menschen „ein Buch mit sieben Siegeln“ bleibe und komplexe theologische,  geografische und historische Zusammenhänge der biblischen Überlieferungen kaum noch verständlich seien.

Im ersten Teil wird die Geschichte der Bibel als Buch dargestellt. Die Leserin erfährt hier, was die Bibel überhaupt ist, welche Übersetzungen und Hilfsmittel es gibt, welche Lesestrategien und Leseorte und ob sie nun Gotteswort oder Menschenwort ist. Sorgfältig wird der Prozess der Textüberlieferung und Kanonbildung erläutert. Ein Kapitel widmet sich der Verbreitung und Erforschung der Bibel und schliesslich wird die Bibel in den Kontext des interreligiösen Dialogs gestellt.

Der 2. Teil ist dem Alten Testament gewidmet und bietet zunächst eine Einführung in die hebräische Sprache und das Leben zur Zeit des Alten Testaments. Dann werden die einzelnen Bücher in der Reihenfolge evangelischer Bibelausgaben dargestellt und danach die Apokryphen – jeweils mit einer Einleitung und einer kommentierenden Nacherzählung des gesamten Buches. Der 3. Teil zum Neuen Testament ist gleich aufgebaut, gibt aber in der Einleitung dem zeitgeschichtlichen Rahmen und der Geschichte des Urchristentums ein besonderes Gewicht, während im alttestamentlichen Teil die Geschichte Israels nur am Rande abgehandelt wird.

Der Versuch, allgemeinverständlich und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau in die Bibel einzuführen, scheint mir insgesamt hervorragend gelungen. Die Autoren liefern eine ungeheure Fülle von fundierten Informationen und Hintergründen. Sie bringen interessierten Laien einen wissenschaftlichen Zugang zur Bibel nahe, sensibilisieren dafür, dass die Bibel nicht der alleinige Besitz der Christen ist, was insbesondere für das Erste Testament zu betonen ist, die hebräische Bibel. Vielleicht wäre es sogar konsequenter, wenn auch für ein breiteres Publikum irritierend gewesen, konsequent vom Ersten und Zweiten Testament zu reden.

Ansprechend ist auch die Gestaltung des Buches. Zahlreiche Abbildungen und Fotografien in guter Qualität veranschaulichen den Text – auch wenn es vereinzelt auch allzu direkte Illustrationen gibt (wie z.B. ein Sonnenuntergang zu Ps 139). Zusammenfassungen und thematische Exkurse werden farblich abgehoben, was die Konzentration auf das Wesentliche und den Überblick erleichtert. Kritisch anzumerken ist die kleine Schriftgrösse, die das Lesen etwas beschwerlich macht. Hilfreich wäre bei einem so umfangreichen Band, der ja auch ein Nachschlagewerk ist, ein Sachregister gewesen. Es hätte vor allem das Auffinden von thematischen Exkursen erleichtert oder den nicht ganz so Bibelfesten das Finden von biblischen Inhalten. Gewünscht hätte ich mir auch ein paar Informationen über die Autoren auf dem Cover.

Empfehlenswert ist dieses Buch insbesondere für alle, die im religionspädagogischen Bereich tätig sind. Für ein breiteres Publikum stellt er allerdings inhaltlich und vom Umfang her relativ hohe Ansprüche. Wer sich darauf einlässt, wird aber belohnt.